Die letzte Woche habe ich in den Schären vor Stockholm verbracht, mit viel Wasser, Wind, Gesprächen und Zeit zum Nachdenken. Jetzt sitze ich im Zug zurück nach Hamburg, via Malmö, und schreibe. Schweden und insbesondere Malmö haben mich sehr geprägt: durch meine Diplomarbeit an der K3 Malmö University, Freundschaften, die seitdem entstanden sind und natürlich 040x040, unseren langjährigen Innovationsaustausch zwischen Hamburg und Malmö. Und durch viele Impulse aus der skandinavischen Innovationspraxis, von DDC – Dansk Design Center über Media Evolution bis zu Vinnova.

Mich fasziniert immer noch, welch hohen Stellenwert Kreativität in Skandinavien hat und welche spannenden Arbeitsweisen aus dieser Haltung und Kultur entstehen, von Collaborative Foresight bis angewandter Mission Oriented Innovation.

Ich hatte also viel Zeit, über eines meiner Lieblingsthemen nachzudenken: Wie machen wir es wahrscheinlicher, dass Kreativität und Innovation in Städten entstehen? Nicht nur zufällig, oder in Krisen, nicht nur, wenn ein paar gute Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammenkommen, sondern systematischer, ohne dabei die Offenheit, Energie und Unberechenbarkeit von Kreativität kaputt zu organisieren (aka 👉 Drei Schüsse auf die Kreativität).

In Urban Creativity Now: The Playbook for the Post-Covid City, das ich 2021 mit meinen Kolleg:innen von der Urban Change Academy herausgegeben habe, haben wir dafür den Begriff der urbanen Inventur entwickelt. Ich mag dieses Bild immer noch sehr: Jeder Buchladen macht Inventur und schaut, was da ist, was fehlt, was ungenutzt herumliegt und was vielleicht in Zukunft gebraucht wird. Städte sollten das auch tun, nur eben nicht allein mit Blick auf Gebäude, Kataster oder physische Infrastruktur, sondern auch auf Fähigkeiten, Wissen, Netzwerke, Initiativen, Räume, Routinen, Kapazitäten und ungenutzte Potenziale.

Das Playbook ist international unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 lizenziert. Du bist herzlich eingeladen, die Inhalte zu teilen, damit zu experimentieren und darauf aufzubauen.

Im Playbook damals beschäftigte mich die Frage, was Städte aus der spontanen Kreativität der Pandemie lernen können. Plötzlich wurden Parks zu Open-Air-Fitnessstudios, Parkplätze zu Spielplätzen, Messehallen zu Impfzentren, Pop-up-Radwege entstanden in kürzester Zeit, Einzelhändler:innen und Gastronom:innen entwickelten neue Services, Kulturorte fanden neue Räume und Formate. Vieles davon entstand eben nicht aus Strategien oder Masterplänen, sondern aus dem konkreten Druck der Pandemie, Improvisation und vorhandenen Fähigkeiten.

Heute interessiert mich diese Frage grundsätzlicher: Wie können Städte Kreativität und Innovation systematisch fördern? Wie können sie Rahmenbedingungen schaffen, in denen neue Lösungen nicht nur zufällig entstehen, sondern wahrscheinlicher werden? Ich denke nach über ein besseres Zusammenspiel von Problemen, Fähigkeiten und Experimenten.

Viele urbane Herausforderungen entstehen nicht, weil es keine Fähigkeiten gibt, sie zu bearbeiten. Sie entstehen, weil Probleme und vorhandene Fähigkeiten nicht systematisch genug zusammenfinden.

Schließlich haben Städte nicht nur Herausforderungen – sie bündeln auch eine Vielzahl verschiedenster Fähigkeiten. Sie haben Wissen, Netzwerke, Initiativen, Räume, Routinen, Kapazitäten. Vieles davon bleibt zu oft lokal begrenzt, unverbunden, ungenutzt oder sogar unsichtbar. Aus meiner Sicht entstehen viele urbane Herausforderungen nicht, weil es keine Fähigkeiten gibt, sie zu bearbeiten. Sie entstehen, weil Probleme und vorhandene Fähigkeiten nicht systematisch genug zusammenfinden.

Yasemin Arhan Modéer bringt es im Interview zum 10-jährigen Jubiläum von 040x040 auf den Punkt:

„A real, tangible cooperation between the regions. And I'd actually want to bring Lund into it – not just 040 as a concept, but the wider area. So much is possible: exchanges, business connections, shared projects. With a genuine starting point of trying to make this corner of Europe a hotspot for solving the problems we're facing." – Yasemin Arhan Modéer

Genau hier setzt für mich die Idee der urbanen Inventur an: Was ist da? Was wird gebraucht? Welche Fähigkeiten passen zu welchen Problemen? Welche neuen Verbindungen lassen sich herstellen? Welche Experimente können daraus entstehen? Und was lernen wir daraus, damit es nicht bei einzelnen guten Beispielen (aka Leuchttürmen) bleibt?

Aus meiner Sicht muss Kreativität dabei eine zentrale Rolle spielen. Sie ist der Kitt, der aus einzelnen Fähigkeiten, Orten, Interessen und Ideen einen Möglichkeitsraum macht, in dem Neues entstehen und in die Welt kommen kann. Nicht als Dekoration, sondern als Praxis, um genauer hinzuschauen, Probleme neu zu rahmen, Bedürfnisse sichtbar zu machen, unterschiedliche Perspektiven zu übersetzen und neue Möglichkeiten testbar zu machen.

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Habt einen schönen Sommer!

– Matthias

PS. Ein schönes Beispiel aus Malmö haben wir während 040x040 von Form/Design Center kennengelernt: Bei What Matter_s trafen 10 Designstudios auf 10 Materialforscher:innen, um neue Materialien zu explorieren und sichtbar zu machen, welches Potenzial in ihnen steckt.