In den letzten Wochen habe ich drei Schüsse auf die Kreativität skizziert: Schuss eins handelte von Überprozessualisierung und wie wir das Ringen um herausragende Kreativität durch glattgebürstete Rituale ersetzt haben. Im zweiten Schuss habe ich beschrieben, wie wir in einer Kultur der Ungeduld den kreativen Schaffensweg immer weiter verkürzt haben. Schuss drei schließlich beschäftigte sich mit unserer Artefakt-Fixierung. Wir verwechseln sichtbaren Output mit Kreativität und dabei verschwindet zunehmend die kreative Praxis der unfertigen Zwischenschritte.

Alle drei Schüsse gehen in dieselbe Richtung: wir verlieren nicht nur kreatives Potenzial sondern auch Verantwortungsräume und Autor:innenschaft. Je mehr kreative Aufgaben wir an die KI abgeben, desto weniger Handlungsspielraum bleibt für uns Menschen (👋 Hartmut Rosa).

Das eigentliche Problem ist kulturell: Wir haben uns daran gewöhnt, Verantwortung auszulagern – an Prozesse, an Timeboxes, an Tools. 

Und ja, das mag sich zunächst gut anfühlen: Kontrolle, schnell vorzeigbare Ergebnisse, weniger Reibung. Aber genau damit schneiden wir immer mehr Gelegenheiten für Kreativität ab. Kreative Arbeit verkommt damit zur Convenience auf Knopfdruck.

Wenn wir Kreativität wirklich wollen, müssen wir damit aufhören, uns hinter Prozessen und Tools zu verstecken. Wir müssen wieder lernen, selbst Entscheidungen zu treffen, die nicht vermeintlich „objektiv“ sind, sondern angreifbar – und für die jemand gerade steht.

Was also tun? Spielräume schaffen, und sie dann auch wirklich beschützen. Mehr riskieren, auch wenn das Ergebnis noch nicht poliert ist. Und vor allem: Verantwortung übernehmen. Im Sinne von klarer Haltung und Autor:innenschaft. Dass die Entscheidung deine war und dass du deinen Kopf dafür hinhältst.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd das sein kann. Man schwimmt damit zwangsläufig gegen den Strom. Aber es lohnt sich, denn Kreativität speist sich aus Unbequemheit.
Deshalb: Wenn dir jemand sagt, du denkst zu groß, oder dass etwas außerhalb eines vordefinierten Rahmens liegt, ist das ein gutes Zeichen. Du bist auf dem richtigen Weg.

Genug geballert- jetzt sind wir dran, etwas zu ändern. Bist du dabei?