Wir verwechseln Output mit Kreativität.
Kreativität baut auf Entwicklung auf: Demotape, Remix, Skizze, Storyboard, Exposé, Modell, Zeichnung, Treatment, Entwurf, Polaroids, Mockup, Prototyp, Experiment. Das ist die Praxis des Unfertigen, und sie verschwindet gerade. Artefakt-Fixierung und GenKI beschleunigen das. KI-Artefakte zählen mehr als der Weg dorthin: ein Midjourney-Bild, ein Suno-Song, ein Sora2-Video – you name it.
Generative KI macht das noch verführerischer. Hauptsache vorzeigbar, hauptsache fertig. Kreativität wird nur noch an der Oberfläche simuliert. Das KI-Artefakt dient als Beweis, dass Kreativität stattgefunden hat – auch wenn der menschliche kreative Prozess, das Ringen, extrem verkürzt oder sogar übersprungen wurde. Damit wird das Zeichen für Kreativität wichtiger als Kreativität selbst.
Vor fast 25 Jahren haben wir an der Bauhaus-Universität Weimar den französischen Soziologen Jean Baudrillard gelesen: „Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen“. Er kam sogar einmal für eine Vorlesung in die Mensa. Baudrillard beschrieb eine Welt, in der sich Zeichen und Bilder von dem lösen, worauf sie sich beziehen – und wichtiger werden als die Realität dahinter.
Sein „Aufstand der Zeichen“ setzt sich heute fort: in jedem Meeting, in dem ein KI-generiertes Artefakt Eindruck macht, ohne dass jemand den Weg dorthin überhaupt vermisst.
The Mass Amateurisation of (Nearly) Everything
Tom Coates hat das 2003 erstaunlich klar vorweggenommen. In seinem Essay (Weblogs and) The Mass Amateurisation of (Nearly) Everything beschreibt er, wie kreative Produktion systematisch „amateurisiert“ wird, wenn drei Dinge gleichzeitig passieren: Tools werden mächtiger und billiger (Desktop Publishing, iMovie, GarageBand, Final Cut Pro), Wissen wird frei verfügbar, und Distribution wird praktisch kostenlos. Seine offene Frage damals war:
„Whether or not this shift will result in an explosion of creativity or a debasement of quality remains unclear.“
23 Jahre später liefert GenKI eine ziemlich eindeutige Antwort. Die Amateurisierung betrifft nicht mehr nur die Werkzeuge, sondern den gesamten kreativen Akt. Die sichtbare Lücke zwischen Amateur und Profi wird kleiner, bis sie im Artefakt selbst kaum noch erkennbar ist. Genau deshalb wirkt Artefakt-Fixierung heute so verführerisch und deshalb werden kreative Berufe de facto entwertet: Illustrator:innen verlieren Aufträge, Synchron-Sprecher:innen werden auf kurze Studio-Sessions reduziert, Redakteur:innen rutschen Richtung Content-Curation.
Reworking, reworking, reworking!
Doch wenn wir nach wirklich exzellenter Kreativität oder Innovation streben, dürfen wir uns nicht mit dem erstbesten Artefakt zufrieden geben. Ed Catmull, der Gründer von Pixar, schreibt in Creativity, Inc:
"This idea—that all the movies we now think of as brilliant were, at one time, terrible—is a hard concept for many to grasp. [...] Creativity has to start somewhere, and we are true believers in the power of bracing, candid feedback and the iterative process—reworking, reworking, and reworking again, until a flawed story finds its throughline or a hollow character finds its soul."
Wenn ich mit generativen AI-Tools wie Suno arbeite fühlt es sich an, als wäre ich Songwriter und Producer. Es entsteht die Illusion, dass Output gleich Können ist. Ein, zwei Prompts, Daumen hoch, Daumen runter, und tada: das fertige Song-Artefakt im gewünschten Stil ist da. GenKI bedient die Sehnsucht nach Kompetenz-Erfahrung ohne Kompetenz-Erwerb.
Prof. Frank Jacob hat auf meinen ersten Post treffend formuliert:
„Die Standardisierung frisst ihre Kinder. (..) Nichts ist einfacher zu automatisieren als das Standardisierte."
Hartmut Rosa nennt das, was hier gefressen wird: Resonanz. Vielleicht sollten wir wieder anfangen, das Unfertige zu schützen, bevor wir uns nur noch aufs Optimieren von KI-Ergebnissen verlegen. Nicht aus Nostalgie, sondern um auch in Zukunft noch Spielfelder für Menschen und ihre Kreativität zu haben.
Dazu mehr im Epilog.
