Heute muss alles sofort passieren und ich frage mich: wann zum Teufel sind wir eigentlich so ungeduldig geworden? Wenn wir ein Produkt kaufen wollen, muss es innerhalb von 60 Minuten geliefert werden. Wenn ein Text zu lang ist, skippen wir. Wenn eine Serie nicht in drei Minuten zündet, zack die nächste. Diese Erwartung nach sofortiger Bedürfnis-Erfüllung hat sich längst auch in unsere kreative Arbeit eingeschlichen.

Ich habe das schon in den unterschiedlichsten Kontexten erlebt: von Agentur-Workshops über Produktentwicklung bis hin zu EU-Projekten- überall wurden komplexe Aufgaben in viel zu enge Zeitfenster gepresst. In Meetings und Kreativ-Prozessen beobachte ich immer öfter eine Getriebenheit, möglichst schnell an Outputs zu kommen. Geistesblitze werden unter Zeitdruck als Endergebnis verkauft, nicht als Anfang einer Auseinandersetzung. Ist auch kein Wunder, wenn ddTimeboxing als Default-Taktung dient: Design Sprints, Konzentrierte Arbeits-Blocker im Kalender, Workshops mit knapp bemessenem Zeitrahmen und hoher Erwartungshaltung (sic!). Kreative Arbeit wird in feste Blöcke gepresst. Kein Raum für Um- oder Irrwege, geschweige denn Leerlauf.

Warum machen so viele das mit? Weil Agile genau das verspricht, was Organisationen hören wollen: Planbarkeit durch Algorithmisierung: Sprint rein, Output raus. Verlässlich, planbar und effizient. Was in Autofabriken begann, wurde für die Softwareentwicklung adaptiert, von dort auf kreative Arbeit zweckentfremdet und inzwischen auf praktisch jede Art von Arbeit gestülpt. Und mit jedem Sprung wird die Kluft zwischen Methode und Art der Arbeit größer. Aber kaum jemand stellt die Sinnfrage: Passt diese Taktung und Art der Arbeit überhaupt zu dem, was wir hier tun?

Roger Martin beschreibt in The Design of Business (2009) den Knowledge Funnel: drei Stufen, die jede echte Innovation durchläuft. Am Anfang steht das Mysterium: das noch Unverstandene, die Beobachtung ohne Erklärung. Du siehst etwas, hast ein Bauchgefühl, aber kannst es noch nicht greifen. Dann kommt die Heuristik, die erste Faustformel, ein Muster, eine Arbeitshypothese. Du weißt noch nicht genau, warum es funktioniert, aber du hast eine Ahnung. Am Ende steht der Algorithmus, die kodifizierte, wiederholbare Formel. Und darauf optimieren Unternehmen in der Regel: Stabilität.

Martins Punkt: Der kreative Durchbruch passiert im Übergang von Mysterium zu Heuristik. Genau dort braucht es diese zutiefst menschlichen Qualitäten wie Intuition, Exploration, Versuch und Irrtum. Kurzum: die Fähigkeit, aus unvollständigen Informationen neue Gedanken oder Ideen zu formen. Aber heutige Organisationen scheinen besessen von Algorithmus und Effizienz. Sie wollen die unbequeme Mysterium-Phase überspringen. Dabei ist interessant, dass sich größere Organisationen gerne wie Start-Ups gebaren: denn das sind per definition Organisationen, die eben noch nicht mittels Prozessen durch-algorithmisiert sind. Verrückt, oder?

Das Extrem-verkürzen streicht die Mysterium-Phase zusammen oder überspringt sie ganz. Unsere Arbeitsweisen starten heute oft beim Problem und springen direkt zum Algorithmus (oder Prozess), so als ließe sich jedes kreative Problem mit derselben Formel erschlagen. Generative KI verstärkt das radikal: Sie produziert algorithmischen Output: Muster, Wahrscheinlichstes, Trainingsdaten-Durchschnitt, ohne jemals durch das Mysterium gegangen zu sein.

Dabei ist die Mysterium-Phase genau dieser schützenswerte Ort, an dem die Magie passiert. Und damit diese Magie passieren kann, braucht es die Möglichkeit für Serendipity. Zufällige Kollisionen, unerwartete Verbindungen, das Stolpern über etwas, das man nicht gesucht hat. Sebastian Olma hat sich in In Defence of Serendipity (2016) genau dafür stark gemacht. Zu seinen Beispielen gehören Role-Model-Organisation wie Bell Labs, wo Physiker:innen und Ingenieur:innen ohne Output-Druck auf dem Flur kollidierten und den Transistor erfanden. Oder DARPA, das bewusst riskante, ergebnisoffene Forschung fördert. Beide Organisation sind das Gegenteil von "alles in 5-Tage-Sprints pressen". Olma bringt es auf den Punkt:

"One of the perfidies of this system is that it combines urgent requests for creative, innovative and, indeed, serendipitous behaviour with a managerial infrastructure making exactly this impossible."

Wer die Mystery-Phase streicht, macht Serendipity unmöglich. Und wer Serendipity unmöglich macht, bekommt: das Erwartbare. Gähn!

Musikproduzent und YouTuber Rick Beato fragt in seinen Interviews immer wieder Musiker:innen, wo die Musik eigentlich entsteht. Oft wird dabei dieser "Jam"-Moment beschrieben, der kreative Raum, in dem aus Reibung und Lust am Spiel zwischen Menschen etwas Neues entsteht. Analoges Equipment hat eingebaute Widerstände, zeigt uns Grenzen auf, innerhalb derer wir improvisieren müssen. Dadurch können glückliche Unfälle und das Neue entstehen. Generative KI überspringt diese Phasen komplett.

Ich merke das an mir selbst. Ich summe eine Songidee in eine Voice Note, werfe sie in Suno, und ZACK, purzelt in Sekunden ein strukturierter Song heraus. Aber der gesamte Jam wurde übersprungen. Das Ringen mit anderen Menschen, das Ausprobieren, das Scheitern, das Neu-Ansetzen- alles weg.

Dasselbe Muster zieht sich aus meiner Sicht durch alle kreativen Disziplinen.

Schreiben ist bekanntlich Denken. Einen Gedanken formen, verwerfen, neu ansetzen, umschreiben, bis das Argument oder die Story steht. Beim zwölften Umschreiben merkst du vielleicht, dass dein eigentliches Argument ein ganz anderes war. Genau das ist der kreative Weg. Skizzieren ist auch Denken. 27 Varianten einer Illustration, bevor eine sitzt. Die hässliche erste Skizze, die niemand zeigen will, in der aber die rohe Idee steckt. Die Entwürfe, die im Papierkorb landen, sind Teil des Ergebnisses.

Mit generativer KI wird das alles wegrationalisiert. Es gibt kein zerknülltes Papier, kein selbst erlebtes Scheitern und auch keinen Erkenntnispfad mehr. Was bleibt, ist ein stumpfer Feedback-Loop zwischen Mensch und Maschine: Daumen hoch, Daumen runter, nächste Variante.

Generative KI ist nicht der Ursprung dieser Entwicklung, denn die Kultur der Ungeduld und das Timeboxing waren schon vorher da. Aber Generative KI ist der bislang radikalste Verstärker davon. Sie nimmt den Menschen die kreative Arbeit ab, indem sie in kürzester Zeit ein fertiges Ergebnis präsentiert. Dadurch wird aber auch der menschliche kreative Weg abgeschafft. Und wer den Weg nicht mehr selbst geht, gibt kreative Autonomie ab- die Entscheidungsgewalt und Verantwortung über das eigene Schaffen.

Man kann den Geistesblitz nicht befehlen. Aber man kann Blitzableiter bauen- oder so ähnlich. Dafür braucht es Zeit und Raum. Und die Bereitschaft, Nicht-Wissen, Mehrdeutigkeit und Unsicherheit auszuhalten.

Wenn der Weg zum Ergebnis verschwindet, bleibt nur noch das Ergebnis. Und genau das visiert der dritte Schuss an: Artefakt-Fixierung.