Sommer 2021. Ich sitze mit meiner Familie im Auto irgendwo in der Uckermark, der ZEIT Politikpodcast läuft. Es geht um die Ahrtal-Katastrophe. Die Bilder sind noch frisch: Sirenen, die nicht gewarnt haben – weil sie längst abgebaut waren. Meldeketten, die nicht funktionierten. Warnungen von Klimaforscher:innen und Meteorolog:innen, die nicht in den Regionen ankamen. Oder eh schon längst in den Wind geschlagen wurden. Eine der Stimmen fragt: Zeigt diese Katastrophe, dass Deutschland am Ende doch gar nicht so toll ist, wie wir dachten? Dass wir es mit einem Sanierungsfall zu tun haben? 🤯
Dann antwortet Mariam Lau, ZEIT-Politikredakteurin, gerade aus dem Hochwassergebiet zurückgekehrt:
„Deutschland ist immer noch toll, würde ich sagen.
Aber könnte deutlich toller werden. Wir haben halt doch irgendwie so eine gewisse institutionelle Selbstzufriedenheit. Et hätt noch immer joot jejange."
Dieser Begriff – institutionalisierte Selbstzufriedenheit – hat bei mir einen Nerv getroffen. Er hat etwas in Worte gepackt, was ich vorher nur gefühlt hatte.
Das 🇩🇪-Muster: "Es wird schon laufen."
Ich sehe es überall. Von Unternehmen über Städte bis in die Politik. Diese Grundhaltung: Wir sind die Besten. Das wird sich nie ändern. Bestimmt waren wir mal die Besten in manchen Dingen – aber die Zeiten sind vorbei.
Die Automobilindustrie ist nur eins von vielen Beispielen, aber wahrscheinlich das Offensichtlichste. Vor 25 Jahren gab es bereits Prius und Hybrid-Antriebe von Toyota und Honda made in Japan – aber nicht aus Deutschland. Ich erinnere mich noch an VW-Plakate mit einem großen 9-Volt-Block aus der Zeit: „Wir forschen an Elektromobilität!". Das war, wie gesagt, vor 25 Jahren. Und heute? Immer noch dieselbe Schnarchnasigkeit.
Während Chrissy Lindner jetzt auch offiziell den Titel "Auto-Lobbyist" trägt, heißt die Ausrede weiterhin „Technologie-Offenheit". Congrats!
Ich erlebe diese seltsame Haltung auch in Hamburg. Auf Konferenzen. In Institutionen. Dieses Gefühl: Wir sind schon ganz gut aufgestellt. Wir müssen uns nicht so sehr bewegen.
„Herr Weber, Sie denken zu groß"
2015 habe ich 040x040 gestartet, einen Kreativ-Austausch zwischen Hamburg und Malmö: zwei Underdog-Städte mit wachsenden Kreativszenen, 300 Kilometer Luftlinie dazwischen. In Malmö bekamen wir direkt Unterstützung von der Stadt und dem regionalen Medien- und Innovationscluster Media Evolution: Infrastruktur, Kontakte, Speaker.
In Hamburg? Aus der Senatskanzlei hieß es: „Herr Weber, Sie denken zu groß.“ Und in einem damaligen Interview wurde ein Hamburger Akteur mit dem Satz zitiert: „Aus Hamburger Sicht ist Skandinavien nicht so wahnsinnig interessant.“
Ich kann verstehen, warum diese Haltung so naheliegt: Wenn das Tagesgeschäft alles übertönt und der Blick dabei sehr lokal bleibt, fehlt schnell die Kapazität für Vorausschau und neue Partnerschaften. Fairerweise: Unterstützung aus Hamburg gab es trotzdem – vor allem über Hamburg Marketing, möglich gemacht durch Menschen dort 🫶, die sich stark für 040x040 engagiert haben.
Ein paar Jahre später, 2019, gab es übrigens einen OECD-Bericht über die Metropolregion Hamburg, der diese paradoxe Haltung schön auf den Punkt gebracht hat. Eine der Kern-Empfehlungen: „Think big – beyond local, regional & national boundaries." Die OECD sagt: Think big. Hamburg sagt: Sie denken zu groß. Man kann sich das nicht ausdenken.

Sportlerinnen und Sportler sagen ja auch nicht: „Okay, wir sind Vierter geworden, aber wir sind trotzdem die Besten." Warum akzeptieren wir diese Haltung in der Wirtschaft? In der Politik?
Was stattdessen?
Mir ist aufgefallen: ich schreibe seit Jahren über ähnliche Themen. 2021: „Wir sind passive Konsumenten von Innovation geworden." 2022: „Effizienz killt Reflexion, Geduld, Überraschung." Jetzt, 2026: Institutionalisierte Selbstzufriedenheit. Gleiches Problem, andere Worte. Weil es nicht besser wird. Es gehört Größe dazu, zu sagen: Die anderen machen das besser. Ich finde: dann sollten wir hingehen, diese anderen Menschen kennenlernen, uns austauschen und hey- vielleicht sogar zusammenarbeiten.
Die Strategie-Legende Russell Davies hat ein schönes Buch geschrieben: Do Interesting. Seine These: Interessante Menschen tun interessante Dinge. Nicht andersrum. „Go places, do things, talk to people, read stuff." Das ist das Gegenteil von institutionalisierter Selbstzufriedenheit. Nicht noch ein selbstreferenzielles Strategiepapier. Sondern: Handeln. Rausgehen. Neugierig sein. In den Worten von Harry Bosch: "Get off your ass and go knock on doors.".

Let's go!
Was ich jetzt konkret mache: Ich bringe 040x040 wieder an den Start – nach der Covid-Pause. Zehn Jahre nach „Sie denken zu groß". Im Dezember habe ich die ersten Gespräche mit Media Evolution geführt – meinem Partner in Malmö. Im Frühjahr starten die Community-Interviews. Und in Hamburg? Da gehen wir jetzt auf Partner-Suche. Mal sehen, ob sich die Haltung geändert hat.
Das ist mein kleines Experiment für 2026. Im Sinne von Anne-Laure Le Cunff: Tiny Experiments. Und im Sinne von Dan Hills Schneeball-Metapher: Klein anfangen, aber groß denken. Den Schneeball oben auf dem Hügel formen – und dann rollen lassen. Je weiter er rollt, desto größer wird er.
Die gute Nachricht: Es gibt sie schon – Menschen und Initiativen in Deutschland, die genau das tun. Und das hier ist wirklich nur eine klitzekleine Auswahl von vielen Orten, an denen gerade mutig ausprobiert, gebaut und gelernt wird:
- Maja Göpels Mission Wertvoll denkt Transformation neu: wertebasiert, verständlich, anschlussfähig.
- Project Together zeigt in seinen Programmen, wie aus Netzwerkenergie echte Umsetzung wird: gemeinsames Zielbild, klare Rollen, gemeinsames Lernen.
- Digital Service beweist, dass Staat auch „produktmäßig“ digital kann und mit Work4Germany kommen frische Methoden und Perspektiven direkt in die Verwaltungspraxis.
- der FC Sankt Pauli hat die erste Genossenschaft im deutschen Profi-Fussball gezeigt, wie Beteiligung, Finanzierung und Haltung zusammengehen können. Forza!
- Auf europäischer Ebene verbindet das New European Bauhaus lokales Handeln mit einer größeren Vision: beautiful, sustainable, together. Regelmäßig gibt es Calls, auf die sich jede:r bewerben kann..
Es braucht nicht die große Bühne. Was ist dein kleines Experiment für 2026? Kein Masterplan. Eine Sache: ein Ort, an den du gehst. Ein Mensch, den du ansprichst. Ein Projekt, das du startest – oder eins, das du unterstützt. Das kann der Verein sein, die Bücherhalle, die Volkshochschule. Ein Stammtisch. Oder etwas in deinem Kiez.
Steh auf. Mach mit. Knock some doors und werde Teil der Toll-Bewegung.
Ich wünsche euch allen ein Jahr mit viel Offenheit, Neugier und dem Mut, Dinge anders zu machen. Frohes Neues!
– Dein Matthias
